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Akw Fessenheim: Geht Block 2 wieder ans Netz? Aktionsbündnis News
Veröffentlicht von Administrator (admin) am 03.08.2016
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Yves Marignac bezweifelt, dass in Fessenheim der Reaktor 2 wieder schnell ans Netz gehen kann. Foto: AFP/WISE

 

Block 2 von Fessenheim liegt still, weil schlampig gearbeitet wurde. Wie sicher französische Atomkraftwerke sind, darüber spricht der Atomenergieexperte Yves Marignac im Interview.

 

Wie sicher sind französische Atomkraftwerke? Die Frage, die durch geschönte Herstellungsprotokolle der Stahlfirma Le Creusot für Bauteile von Reaktoren aufgekommen ist, hat im Elsass konkrete Folgen: Block 2 von Fessenheim liegt still, weil dort ein Dampferzeuger steht, bei dem schlampig gearbeitet worden ist. Die Atomaufsicht ASN setzt den Betreiber unter Druck. Über diese Situation hat Bärbel Nückles mit dem französischen Atomenergieexperten Yves Marignac gesprochen.

BZ: Die französische Atomaufsicht hat das Prüfzertifikat für einen Dampferzeuger in Block 2 im Akw Fessenheim ausgesetzt. Bis auf weiteres besitzt der Betreiber EdF also keine Betriebsgenehmigung für den zweiten der beiden elsässischen Reaktoren. Was bedeutet dieser Schritt?
Yves Marignac: Die Antwort auf diese Frage ist etwas kompliziert. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen gar nicht nachweisen sollen, dass das Bauteil sicher ist. Die Entscheidung der Atomaufsicht hebt darauf ab, dass der entscheidende Verstoß bereits bei der Herstellung des Dampferzeugers erfolgt ist: Dabei kam es zu Fehlern, die man in Kauf genommen hat. Also schon die Herstellung und das Produkt waren nicht regelkonform. Der ASN (Autorité de sûreté nucléaire) hat verschwiegen, dass hier ein zentrales Bauteil nicht den Vorschriften entsprach, was sehr schwerwiegend ist. Der Dampferzeuger wäre nie zugelassen worden.

BZ: Dennoch scheinen Areva, ein Unternehmen, das in Frankreich die Herstellung solcher Bauteile für Akw verantwortet, und EdF als Betreiber Tests durchzuführen, um zu zeigen: Dieser Dampferzeuger stellt kein Sicherheitsrisiko dar.
Marignac: Konformität bedeutet innerhalb eines umfassenden und gestaffelten Sicherheitskonzeptes der Atomindustrie das erste Niveau. Wenn Areva und EdF nun nachweisen wollen, dass der Dampferzeuger kein Risiko darstellt, ändert dies nichts. Sie haben gegen die Grundregel der Konformität verstoßen.
BZ: Verstehe ich richtig: Selbst wenn es nun gelänge nachzuweisen, dass der Dampferzeuger ausreichend stabil ist, würde es nichts an der Sachlage ändern?
Marignac: Ja, denn die ASN verlangt gar keinen Nachweis. Sie fordert, dass der Dampferzeuger ihren Anforderungen entspricht. Das Bauteil wurde willentlich vorschriftswidrig hergestellt und eingebaut.
BZ: Man müsste folglich den Dampferzeuger ersetzen?
Marignac: Der einzige Ausweg ist nach bisheriger Lage tatsächlich, dass der betreffende Dampferzeuger ausgetauscht wird. Die Entscheidung bedeutet, dass die ASN ein Wiederanfahren von Block 2 im jetzigen Zustand verhindert.
BZ: Ist ein Austausch ohne weiteres möglich? Die drei aktuellen Dampfgeneratoren in Block 2 wurden 2011 eingebaut. Zehn Jahre zuvor hat man sie bestellt.
Marignac: Normalerweise braucht es dafür einige Jahre Vorlauf, weil die Auftragsbücher der Schmieden entsprechend geplant sind. Es sei denn, es gibt irgendwo einen Dampferzeuger, der für ein anderes Akw hergestellt wurde und verfügbar ist.
BZ: Das wissen Sie aber nicht...

Marignac: Ich weiß es nicht. Es liegt aber im Bereich des Möglichen.
BZ: Was da vor sich geht, könnte das den Anfang der Stilllegung des Akw Fessenheim bedeuten?
Marignac: Der Austausch eines Dampferzeugers ist keine Kleinigkeit. Der zeitliche Ablauf bringt uns zwangsläufig ins Jahr 2017. Die Sache wird umso komplizierter, je näher die Präsidentschaftswahl im nächsten Frühjahr rückt.
BZ: Wollen EdF und Areva Zeit gewinnen, indem sie ihre Tests durchführen?
Marignac: Zumindest lässt man die Öffentlichkeit glauben, dass das Problem auf diese Weise zu lösen ist. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, ob sich die mechanische Widerstandsfähigkeit solch eines Bauteils überhaupt nachweisen lässt. Stellen sie sich vor, sie bauen einen Stuhl, eines der Beine gerät aus Versehen kürzer. Der Stuhl wackelt. Jetzt will man Sie glauben machen, er wackele zwar, aber das sei nicht weiter schlimm, man könne sich trotzdem draufsetzen. Die französische Atomindustrie verfährt nach derselben Logik und schwächt die gesamte Sicherheitskette. Sie sagt uns damit nichts anderes als: Wir haben uns nicht an die Vorschriften gehalten, aber wir beweisen Euch, dass das nicht so schlimm ist. Das öffnet jeglichem Missbrauch Tür und Tor.
BZ: Was genau ist bei der Herstellung des Dampferzeugers schiefgelaufen?
Marignac: Man hat sich entschlossen, als das Hauptstück des Dampferzeugers aus einem riesigen Stahlblock gegossen wurde, auch ein Teil zu verwenden, in dem es beim Erstarren zu unregelmäßigen Kohlenstoffverteilungen gekommen war. Es ist ausgeschlossen, dass dieser Teil gute mechanische Eigenschaften besitzt.
BZ: Das alles spielt sich vor dem Kontext der geplanten Stilllegung von Fessenheim ab. Kann Staatspräsident Hollande nicht einfach eine Abschaltung verfügen?
Marignac: Er kann ein Unternehmen, das er nicht selbst kontrolliert, nicht dazu zwingen, auch wenn er die Aktienmehrheit besitzt. Das Problem ist vor allem, dass der Staat sich widersprüchlich verhält. Einerseits hat er eine Energiepolitik auf den Weg gebracht, die erneuerbare Energien stärkt und den Atomstrom reduziert. Andererseits plant EdF eine Laufzeitverlängerung seiner 900-MW-Reaktoren auf 50 Jahre, rechnet dabei aber nicht die Kosten der Investitionen ein, die für Nachrüstungen zwingend nötig werden. Dank dieses Schachzugs konnte der Konzern vergangene Woche positive Zahlen präsentieren – die Regierung wird das im Verwaltungsrat auch absegnen. Dazu wird nicht einmal die ASN gehört.
BZ: Hollande will Fessenheim per Dekret schließen lassen. Es soll noch in diesem Jahr unterzeichnet werden. Was passiert, wenn er nicht wiedergewählt wird?
Marignac: Wie es weitergeht, hängt entscheidend vom Mann an der Spitze der Atomaufsicht ab. Verliert Hollande, kann sein Nachfolger ein Jahr später einen neuen Chef der ASN ernennen. Vor dem Hintergrund des aktuellen Machtkampfs zwischen Atomindustrie und Regierung gewinnt diese Frage höchst strategisches Gewicht.

Yves Marignac(47) erstellte als unabhängiger Energieberater viel beachtete Expertisen zur Atompolitik. Er ist Geschäftsführer von Wise Paris (World Information Service on Energy).

Atomenergieexperten Yves Marignac  Foto: AFP/WISE                         

Zuletzt geändert am: 03.08.2016 um 08:26:01

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