News

Frankreich will neue Atomkraftwerke bauen, aber nicht in Fessenheim

>>>weiter lesen

Mahnwache Dreyeckland und Breisachs Bürgermeister begrüßen angekündigte Stilllegung des AKW Fessenheim

>>>weiter lesen

Fessenheim-Betreiber bittet offiziell um Aufhebung der Betriebsgenehmigung

>>>weiter lesen

Video Clip Fessenheim


von brutto tempo
Informationen

Bookmark and Share

Pioniere der Umweltbewegung: AGUS feiert ihren 40. Geburtstag. Aktionsbündnis News
Veröffentlicht von Administrator (admin) am 23.05.2015
News >> Aktionsbündnis News

Markgräfler im Kampf gegen die Atomkraft. Das Foto mit AGUS-Aktivisten entstand auf der Ponton-Rheinbrücke Sasbach -Marckolsheim, vermutlich 1979. Foto: Ernst-Udo Kaufmann

Pioniere der Umweltbewegung: Die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Markgräflerland feiert ihren 40. Geburtstag.

MÜLLHEIM. Die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz (AGUS) Markgräflerland feiert ihren 40. Geburtstag. Ein Blick in die Geschichte des Vereins lässt die Auseinandersetzungen um ökologische Themen in der Region und darüber hinaus Revue passieren. Initialzündung und Schwerpunkt des AGUS-Engagements ist bis heute der Kampf gegen die Atomkraft, doch die Aktiven haben im Laufe von vier Jahrzehnten eine große Bandbreite an umweltpolitischen Themen in den Blick genommen. Mit wechselndem Erfolg.

1975 – da konnten die unerschütterlich Fortschrittsgläubigen noch mit großem Selbstbewusstsein ihre Lehren verkünden. Atomenergie ist sicher, so lernte man es schon in der Schule, die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk, also für den größten anzunehmenden Unfall, minimal. Einmal in einhunderttausend Jahren könnte so ein GAU passieren, manche Statistiker rechneten gar mit einmal in einer Million Jahren. 1975 – da hatte die Welt noch nicht durch Tschernobyl und Fukushima schmerzvoll erfahren müssen, wie schnell Hunderttausende von Jahren tatsächlich vergehen können. Und doch gab es schon damals eine Gruppe von Menschen, die vehement gegen den Ausbau der Atomenergie protestierten.

Sie bildeten die Keimzelle für eine Bewegung, die den Nachgeborenen heute selbstverständlich erscheint, und, wie man so schön sagt, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – auch wenn es immer noch Zeitgenossen gibt, für die die Grünen ein rotes Tuch sind. Kristallisationspunkt in diesen Anfangstagen war bekanntermaßen der Widerstand gegen ein geplantes AKW in Wyhl am Kaiserstuhl. Weniger bekannt ist, dass es auch damals schon massiven Widerstand gegen das AKW Fessenheim gab, das sich damals gerade im Bau befand.

Am 25. Mai 1975 fand eine Großdemo in Fessenheim mit rund 20 000 Teilnehmern statt. Mit dabei auch Mitglieder der frisch gebackenen AGUS Markgräflerland. Die hatte sich am 19. März offiziell gegründet – eine Triebfeder für die Entstehung dieser Gruppierung war übrigens das Müllheimer Jugendzentrum; Schüler des Markgräfler Gymnasiums waren unter den Ersten, die die AGUS aufs Gleis setzten und in Schwung brachten, erinnert sich Martin Richter, Stadtrat der Fraktion ALM/Grüne, der einige Jahre später zur AGUS stieß.

Wyhl konnte verhindert werden, Fessenheim nicht – der Widerstand gegen das elsässische Atomkraftwerk, dessen Stilllegungstermin nach wie vor offen ist, gehört bis heute zu den Kernthemen der AGUS. Vielen Markgräflern vermutlich nicht mehr so präsent ist ein wichtiger erster Erfolg der AGUS im Sommer 1975. Ihr Widerstand trug mit dazu bei, dass am 20. Juni der Heitersheimer Gemeinderat einstimmig den Bau einer Brennelementefabrik in der Malteserstadt ablehnte.

Doch die AGUS kümmerte sich schon früh auch um andere umweltpolitische Themen, sie setzte Diskussionen in Gang, die weit über das Markgräflerland hinaus Wellen schlugen. 1978 machte die AGUS auf die hohen Nitratwerte im Müllheimer Trinkwasser aufmerksam und stieß so eine Debatte an, die landesweit von den Medien aufgegriffen wurde und schließlich zur Festlegung von gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten führte. Die AGUS war dabei, als die Schlagworte "Waldsterben" und "Saurer Regen" vielen Menschen noch gar kein Begriff waren. Sie wehrte sich gegen eine ausufernde Stadtbauplanung und kämpfte – oft genug auch ohne Erfolg – gegen den Erhalt alter Bausubstanz in Müllheim. Eines der neueren Themen war dann so etwa ab 2006 Elektrosmog und Mobilfunkstrahlung. Die AGUS setzte sich dafür ein, dass in Müllheim das Aufstellen von Mobilfunkmasten auf wenige Standorte konzentriert werden konnte.

Ein Dauerbrenner war und ist bis heute der Verkehr. Großer Zankapfel waren vor allem in den 80er-Jahren die Pläne für die sogenannte Kerntangente in Müllheim, die ursprünglich eine Art großzügiger Stadtautobahn in Richtung Badenweiler vorsahen. Was schließlich gebaut wurde, fiel – auch aufgrund des stetigen Widerstandes der AGUS – deutlich kleiner aus. 1984 dann wurde die AGUS politisch. Mitglieder zogen auf der Alternativen Liste Müllheim (ALM) in den Stadtrat ein. Allerdings gab es AGUS-Mitglieder auch schon in anderen Fraktionen.

Wohl gelitten waren die Umweltaktivisten sowohl im Gros des Rates als auch in weiten Teilen der Bevölkerung dennoch lange Zeit nicht. Vor allem konservative Kreise sahen sie als Staatsfeinde an, Polizei und Staatsschutz warfen ein aufmerksames Auge auf die Ökos. In der BZ erschienen Leserbriefe, die etwa in Frage stellten, ob Martin Richter, der damals als Oberarzt am Kreiskrankenhaus tätig war, mit seinem Engagement in dieser Position überhaupt haltbar sei.

Die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 stieß dann jedoch ein Umdenken auf breiter Front an. Für die AGUS bedeutete dies indes – nach einer kurzen Phase im Fokus des öffentlichen Interesses – den Beginn einer Saure-Gurken-Zeit. Die Themen der AGUS waren inzwischen quer über das gesamte gesellschaftliche und politische Spektrum gestreut. Hatte der Erfolg des umweltpolitischen Engagements die AGUS überflüssig gemacht?

"Ganz sicher nicht", meint Jürgen Hauke, heutiger Vorstand der AGUS, die im Jubiläumsjahr knapp 100 Mitglieder zählt. Fukushima hat einmal mehr gezeigt, dass das Thema Atomenergie brisant bleibt, nach wie vor bleibt das Ringen um eine ökologisch vertretbare Verkehrspolitik zäh – und neue Herausforderungen, wie etwa die Gentechnik, erfordern Aufmerksamkeit. Nach wie vor sieht sich die AGUS auch als aufklärerische Instanz mit einer Mission. Auf der mit viel Liebe zum Detail gestalteten Homepage ist ein Heinrich-Böll-Zitat zu lesen: "Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben."

Zuletzt geändert am: 23.05.2015 um 16:57:49

Zurück zur Übersicht

Kommentare

Kein Kommentar gefunden

Kommentar hinzufügen