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Wenn Fessenheim explodiert: Horrorvision in Buchform Aktionsbündnis News
Veröffentlicht von Administrator (admin) am 08.03.2013
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Badische Zeitung

Jürgen Lodemann entwirft eine düstere Vision: Sein Buch "Fessenheim" beschreibt die atomare Katastrophe am Oberrhein – und führt gleichzeitig zu einem ganz anderen Leib-und-Magen-Thema des in Freiburg wohnenden Autos.

Jürgen Lodemann Foto: privat

Die ersten Seiten sind ein Fanal: Durch ein Erdbeben im Oberrheingraben hat sich der Bodensee um einige Meter gesenkt – und die Wassermassen ergießen sich in den Rhein, dessen Flutwelle Basel überschwemmt und sich dann aufmacht nach Fessenheim und das alte Atomkraftwerk niederreißt. Ganz Freiburg muss evakuiert werden, die Menschen fliehen in den Schwarzwald, die meisten bleiben aber schon zwischen Höllental und Himmelreich stecken. Was für ein Albtraum! Gerade jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum zweiten Mal: Aktueller könnte die Horrorvision nicht sein, mit der Jürgen Lodemanns Novelle "Fessenheim" einsetzt.

Die Katastrophe ist nur ein journalistisches Szenario


Doch wirklich passieren lässt der seit vielen Jahren in Freiburg lebende gebürtige Essener die Katastrophe nicht. Die "unerhörte Begebenheit", auf der laut Goethe die Novelle fußt, ist nur ein Szenario, entworfen von dem so jungen wie ambitionierten Reporter der "Freiburger Zeitung" Ben Busch, nachdem dieser am Hals des Bodensees eine denkwürdige Begegnung mit einer jungen und auch noch schönen Geologin namens Petra Stein hatte – wie sollte sie sonst auch heißen. Die Wissenschaftlerin lässt ihn in der Stille der Nacht das Stöhnen und Ächzen der Erde hören, der auseinanderbrechenden Gesteinsschichten im Oberrheingraben, die schon einmal ein Erdbeben verursacht haben, im Jahr 1356 in Basel.

Ben Busch ist alarmiert – und trifft bei seinem Vorgesetzten, dem für die Reportageseite drei der Zeitung verantwortlichen Josef Oberst, einem gemütlichen Rheinländer, nicht nur auf offene Ohren, sondern auch Arme: "Nenn mich Jupp!", bricht es begeistert aus dem altgedienten Journalisten heraus, den neben seiner Abneigung gegen die Kernkraft ein noch größeres Problem umtreibt: Freiburgs im Sand verlaufene Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas.

Weniger literarisch, mehr missionarisch


Nun weiß man ja, wie stark sich der Autor und frühere SWR-Kulturredakteur Lodemann für das Einpflanzen der Kulturhauptstadtidee in die Köpfe der politisch Verantwortlichen in dieser Stadt in die Bresche geschlagen hat. Doch selbst die Schützenhilfe des Kulturhauptstadtexperten Adolf Muschg – er war in der Jury, die das Ruhrgebiet für 2010 erkoren hat – hat nichts daran geändert, dass die Rathausspitze sich noch nicht einmal erwärmen konnte für eine Bewerbung Freiburgs um den Titel. Wie tief die Enttäuschung darüber bei Lodemann sitzt, macht dieses kleine Buch – weniger ein literarischer als ein missionarischer Text – überdeutlich. Der gute Jupp Oberst legt in seitenlangen Dialogen mit seiner eben aus dem Festspielsalzburg zurückgekehrten klugen Frau Mara noch einmal in aller Ausführlichkeit und gebotener Schwärmerei dar, warum es doch eine ganz prima Sache wäre, wenn dieses ökologisch so innovative Gemeinwesen im Südwesten Deutschlands als Modell für die europäische Stadt der Zukunft herhielte.

Wobei der informierten Gattin der Part zukommt, im Namen nicht nur eines in Berlin lebenden Wiener Zeitungsverlegers namens Franzl Halbritter, sondern auch der Bundeskanzlerin höchstpersönlich die Lethargie und Borniertheit in der "Wohlfühlstadt" zu geißeln. Ja, man höre und lese: Angela Merkel ist bei einer wichtigen Sitzung der Wettbewerbskommission zugegen und spricht sich für Freiburg aus (das ja gar nicht auf der Liste steht: Jemand aber hat konspirativ den Namen der Stadt in das Redemanuskript der Kanzlerin hineingefummelt).

Aberwitzige Volte zum Finale


Was das mit der "Europa-Schweinerei Fessenheim" zu tun hat? Zunächst einmal herzlich wenig. Doch Jürgen Lodemann wäre nicht der findige Propagandist der Themen, die ihm auf dem Herzen liegen, der er ist – selbst seinen Lieblingskomponisten Lortzing hat er wieder eingeschmuggelt – , wenn ihm nicht noch ein Dreh einfiele. Und der geht so: Freiburgs "Häuptling" lässt sich auf den kuriosesten Deal ein, den je ein Alarmist ersonnen hat. Es ist eine Art Wette: Wenn es gelänge, bei einem in der Nacht zum 1. Mai exekutierten Schwarzwaldrettungsmanöver, einem Spektakel gegen die Fessenheim-Gefahr und den "Irrsinn Atomkraft" die Stadt Freiburg und ihre Umgebung vor der "fiktiv explodierten Doppelmeilerscheune" zu evakuieren, träte er dem Gedanken näher, dass es sich bei dieser "zwölf Stunden lang unheimlich unbewohnten Geisterstadt um Europas kommende Kulturhauptstadt handelt". Uff! Das ist nun eine wahrlich aberwitzige Volte, die dieser Text am Ende schlägt. Die Freiburger Anti-Atom-"Rettungsoper", hinter der selbst eine hier immer noch ausstehende Inszenierung von Lortzings 1848er-Revolutionsmusiktheater "Regina" verblassen muss, als Bedingung für die unter diesen Umständen doch noch ergehende Kulturhauptstadtbewerbung: Auf solch einen absurden Irrsinn muss man erst einmal kommen.

Schön ist Jürgen Lodemanns "Novelle" überall dort, wo sie den Boden der Tatsachen und den Ton des Predigens verlässt. Mühsam sind dagegen jene Passagen zu lesen, in denen der Autor den Ort der Literatur mit dem Schauplatz von Debatten verwechselt. Der Nutzwert solcher Bemühungen – das mag man bedauern – ist ohnehin begrenzt.

 

Info
  • Jürgen Lodemann: Fessenheim. Novelle. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013. 144 Seiten, 18 Euro.
  • Lesungen: Der Autor liest am 22. März um 20 Uhr auf Einladung der Buchhandlung Neutor in der Spitalkirche Breisach und am 23. März auf Einladung der Buchhandlung Schwarz im Weingut Andreas Dilger, Freiburg, Urachstraße 3.
 

Zuletzt geändert am: 08.03.2013 um 11:13:06

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