Atomenergie

Von Christian Geinitz und Niklas Záboji

Europas erstes Mini-Atomkraftwerk soll in Estland stehen. Die Pläne sind erst wenige Wochen alt und haben die Fachwelt aufhorchen lassen. Geplant ist ein „Small Modular Reactor“ (SMR) mit deutlich geringerer Leistung als gewöhnliche Reaktoren. Er soll in 10 bis 15 Jahren ans Netz gehen.

Die estnische Regierung steht hinter dem Vorhaben, geht es doch auch darum, in Zukunft unabhängig zu sein von russischem Öl und Gas – und sich nicht vollständig auf die schwankende Verfügbarkeit von Wind und Sonne zu verlassen. Die passende Studie für die Lagerung des Atommülls hat die Projektgesellschaft Fermi Energia schon anfertigen lassen.

Auch in anderen Ländern reifen die Pläne für modulare Mini-Reaktoren. Die Internationale Atomenergie-Agentur berichtet von einem wachsenden Interesse und zählt 50 Projekte. SMR könnten die Atomkraft revolutionieren, glauben ihre Befürworter.

Die Idee sei zwar alles andere als neu, hieß es im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats, doch böten jüngste Projekte dank der geringeren Leistungsdichte, Wärmeleistung und Wärmeabfuhr der Mini-Reaktoren „das Potential für eine verbesserte Sicherheit“. Zudem ermögliche die modulare Bauweise Einsparungen bei der Fertigung und spätere Erweiterungen. Maximal 0,3 Gigawatt Leistung haben SMR qua Definition.

Zum Vergleich: Klassische Kraftwerke wie Leichtwasserreaktoren kommen auf 1 Gigawatt und mehr.

Praktisch CO2-frei und rund um die Uhr verfügbar

Blickt man auf die Weltkarte, haben aber selbst diese nicht ausgedient. Galt die Kernenergie in den neunziger und nuller Jahren als Auslaufmodell, ist seit einigen Jahren ein wachsendes politisches Interesse zu verzeichnen. Schon ist von einer „Atomrenaissance“ die Rede. Das liegt vor allem an dem verstärkten Bemühen um schnellen Klimaschutz. „Die wachsende Nachfrage nach Strom, Energiediversifikation und Klimaschutz motiviert den Bau neuer Kernreaktoren“, schreibt der Weltklimarat.

Zwar gebe es nach wie vor Risiken im Betrieb, beim Uranabbau und in der Endlagerung sowie Bedenken in der Bevölkerung und hinsichtlich der Verbreitung von Kernwaffen. Doch seien neue Brennstoffkreisläufe und Reaktortechnologien, die einige dieser Probleme angehen, in der Entwicklung und Fortschritte in Bezug auf Sicherheit und Abfallentsorgung erzielt worden.

Bild: F.A.Z.

Da praktisch CO2-frei und rund um die Uhr verfügbar, betrachten viele Länder Atomkraftwerke als teure, aber wichtige Ergänzung zum Ausbau der Erneuerbaren – vorneweg die Vereinigten Staaten, wo nach Zahlen der Atomenergie-Agentur mit Abstand die meisten Kraftwerke stehen. Mit insgesamt 97 Gigawatt Leistung könnten sie Deutschland theoretisch rund um die Uhr mit Strom versorgen.

Werden alle laufenden Vorhaben wie geplant umgesetzt, wird sich die installierte Leistung aller Atomkraftwerke auf der Welt bis zum Jahr 2030 um mehr als 10 Prozent erhöhen. Vor allem China verzeichnet eine rege Bauaktivität. Aber auch in Europa wird gebaut. Trotz Verzögerungen und Kostensteigerungen halten die Briten an der Erweiterung von Hinkley Point fest. In Frankreich schreitet der Bau des Druckwasserreaktors in Flamanville voran, auch wenn es seit Jahren Streit darum gibt. Die Kernkraft wird dort bis auf weiteres als unverzichtbar eingestuft. Mit 40 Prozent ist sie im französischen Energiemix eine wichtigere Quelle als Öl.

In der Türkei wurde am Mittwoch der Grundstein für den Bau des dritten von vier geplante Blöcken des Atomkraftwerks Akkuyu im Südosten des Landes gelegt. Der erste Reaktor der von Russland gelieferten Anlage soll im Jahr 2023 in Betrieb gehen. Die Zeremonie wurde von den Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, und der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, per Video begleitet.

Magere Bilanz des deutschen Atomausstiegs

In Deutschland ist das Bild ein völlig anderes. Seit dem Unfall von Fukushima vor zehn Jahren und der Rücknahme der Laufzeitverlängerung haben die deutschen Energieversorger elf Kernkraftwerke abgeschaltet. Bis Ende nächsten Jahres werden die restlichen sechs vom Netz genommen. Somit hat sich seit dem Jahr 2011 der Anteil des Atomenergie am Strommix auf 11 Prozent halbiert.

Gestiegen ist im Gegenzug der Anteil der Erneuerbaren von 17 auf 45 Prozent. Da diese in Deutschland aber nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen, ist Erdgas im deutschen Strommix ebenfalls wichtiger geworden. Auch Kohleverstromer haben profitiert. Selbst die Agora Energiewende als zutiefst ökostromfreundliche Einrichtung gesteht zu: „Wären die Atomkraftwerke 2011 am Netz geblieben und gleichzeitig die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut worden, wären die Kohleverstromung und damit die CO2-Emissionen früher gesunken.“

Aus Sicht deutscher Verbraucher ist die Bilanz ebenfalls mager. Die Preise für Beschaffung, Marge und Vertrieb von Strom sind seit dem Jahr 2011 zwar gesunken. Doch Netzentgelte, Steuern und Abgaben haben die Endkundenpreise enorm in die Höhe getrieben – vor allem die Umlage gemäß dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) zur Finanzierung des Ökostroms. Sie ist in den vergangenen zehn Jahren nominal um 86 Prozent nach oben geschnellt. Für Haushaltskunden beträgt das Plus im Strompreis seit dem Jahr 2011 nominal 21 Prozent. Indirekt kann auch das als eine Folge des Atomausstiegs gelten.

Künftig Atom- und Kohleausstieg zu kompensieren wird nur mit einem massiven Ausbau der Erneuerbaren gelingen. Doch gibt es dagegen große Widerstände. Neue Windkraftanlagen an Land scheitern an Protesten von Anwohnern und Umweltschützern. Ähnliches gilt für den Bau der Stromtrassen. Zugleich stecken Speicherverfahren noch in den Kinderschuhen.

Doch eine Renaissance der Kernkraft erscheint in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Die Vorbehalte in der Bevölkerung gelten als unüberwindbar. Als die konservative Werteunion in der CDU vor zwei Jahren noch einmal eine Laufzeitverlängerung forderte, ließ die Kritik aus den eigenen Reihen nicht lange auf sich warten.

25.02.2021, 09:01 Uhr | AFP

Die ältesten Atomkraftwerke in Frankreich dürfen weiter laufen. Die französische Atomaufsicht erlaubt das nun – wenn bestimmte Auflagen erfüllt werden.

Die Laufzeit der ältesten französischen Atomreaktoren kann unter Auflagen von 40 auf 50 Jahre verlängert werden. Das geht aus einer Stellungnahme der französischen Atomaufsicht ASN hervor, die am Donnerstag in Paris veröffentlicht wurde. Zur Bedingung machte die Behörde eine Reihe von Reparaturen an den 32 ältesten Atomreaktoren. So sollen Nuklearunfälle verhindert werden.

Von diesen Altreaktoren haben nach Angaben von Greenpeace bereits 13 das Höchstalter von 40 Jahren überschritten. Diese Altersgrenze hatte die mehrheitlich staatliche Betreibergesellschaft Électricité de France (EDF) ursprünglich vorgesehen. Die französische Regierung hatte den Weg für die Laufzeitverlängerung im April 2020 freigemacht. Frankreich bezieht rund 70 Prozent seines Stroms aus der Atomkraft, das ist der höchste Anteil weltweit.

Kraftwerke zum Teil seit den 70er-Jahren in Betrieb
Die Verlängerung betrifft unter anderen das Atomkraftwerk Bugey östlich von Lyon, das seit Ende der 70er-Jahre in Betrieb ist. Betroffen sind auch die Reaktoren in Dampierre südlich von Paris und Tricastin nördlich von Avignon, die seit Anfang der 80er-Jahre Strom produzieren.

Frankreich hatte sein ältestes Atomkraftwerk in Fessenheim am Oberrhein unweit von Freiburg im Breisgau im Juni des vergangenen Jahres endgültig abgeschaltet. Deutschland und die Schweiz hatten wegen zahlreicher Pannen jahrelang darauf gedrungen.